Gestern:
Der Chef will auf den Standortübungsplatz, wo sein Erkunderzug infantristische Ausbildung betreibt. Er nimmt den Schlüssel seines Iltis aus dem Schreibtisch, verläßt das Kompaniegebäude und fährt raus. Auf seinem Standort-Fahrbefehl steht alles notwendige drauf, das Fahrzeug-Begleitbuch liegt im Handschuhfach, nach der Rückkehr trägt er die gefahrenen Km ein und fertig. Gewartet und betankt wird der gute alte Iltis von der Inst.-Kopmanie des Standorts.
Heute:
Der stv. Kdr. (SteKo) will seine ausgelagerten Staffeln besuchen, Dienstaufsicht wahrnehmen. Bereits eine Woche vorher macht er sich Gedanken: Wie komm ich denn da hin??
Zwei Tage vorher ergeht sein Auftrag an den Transport-Offizier (TrapO), daß er am Dienstag ein Kfz benötigt, um von A nach B fahren zu können. Mit diesem Auftrag ist der TrapO nun mindestens einen halben Tag beschäftigt:
Als erstes fragt der TrapO beim “Mobilitäts- Servicezentrum” (Zivilkraftfahrer und zivile Angestellte) des Standortes an, ob ein Kfz zur Verfügung steht. Das Servicezentrum hat dann hoffentlich einen Zivil-Pkw auf dem Hof stehen. So ein PKW wird dem Servicezentrum vom Bw-Fuhrpark-Service (Ein Unternehmen von gebb und Deutscher Bahn - VORSICHT!!!) bereitgestellt, im Zweifelsfall ein in die Jahre gekommener und seit 6 Monaten nicht mehr genutzter Golf IV mit Fahrwerkschaden und grünbewachsenen Scheibenwiwschern (lustig bei einsetzendem Nieselregen). Wenn die Buden alle unterwegs sind, dann Pudel, dann heißt es: Zu Fuß, mit dem Fahrrad, oder gar nicht fahren.
Als nächstes beauftragt der TrapO die Standortstaffel damit, einen Fahrauftrag auszustellen (Fahrbefehle gibts nicht mehr, zu militärisch), denn nur die dürfen das. Wenn deren Chef nicht im Dienst ist, und der Vertreter gerade nicht im Haus, dann Pudel (siehe oben).
Danach muß der TrapO eine vom Kommandeur unterschriebene Kopie des Strecken- und Einsatzplans des Bataillons besorgen, denn nr in Verbindung mit diesem ist der Fahrauftrag gültig. Ist der Kommandeur nicht da, dann Pudel - siehe oben.
Beides übergibt er dann im Erfolgsfall freudestrahlend dem SteKo. Der tapert dann am Morgen des bereits freudig erwarteten Reisetages zum Mobilitäts- Servicezentrum, wo ihn immerhin eine freundlich lächelnde junge Dame begrüßt, die dann in einem Stapel Papier nach einem Formblatt sucht, welches sich “Übergabe-/Rückgabeprotokoll” nennt. Wenn sie es findet, hofft der SteKo, daß die Daten auf diesem Formular mit denen auf dem Fahrauftrag übereinstimmen. Gemeinsame Kontrolle: Stimmt was nicht, ist der Fahrauftrag ungültig, dann Pudel - siehe oben.
Stimmt alles, dann tritt der Servicezentrum-Hiwi auf den Plan, ein verschnarchter Zivilunke, der in Pantoffeln mit dem SteKo über den Parkplatz schlappt und eine Fahrzeugübergabe durchführt. Kilometer aufschreiben, Sichtprüfung, Unterschrift er, Unterschrift SteKo, fleddern mit dem Formblatt (fünffach!!): wer bekommt welchen Durchschlag? Dazu bekommt der SteKo ein Fahrzeugbegleitbuch mit Papieren, Tankkarte und massenhaft wichtigen Hinweisen (auf Landstraßen außerorts nicht schneller als 100 km/h!) und den Fahrzeugschlüssel.
Nun endlich kann der SteKo losfahren, nicht ohne vorher auf dem Fahrauftrag vorn und hinten den Kilometerstand aufzuschreiben, das gleiche auf dem Übergabe-/Übernahme-Protokoll. In seinem Besitz befinden sich nun:
- Fahrauftrag
- Strecken- und Einsatzplan
- Übernahme-/Übergabe-Protokoll (4 von 5 Durchschlägen)
- Fahrzeugbegleitbuch.
Der Torposten der Hauptwache zuckt mit der Rechten zur Waffe, als der SteKo ihm den Haufen Schreibkram durch das Fenster reichen will: “Nur den Fahrauftrag, Herr Major.”
Nach der Rückkehr von der Dienstfahrt geht der ganze Kram noch einmal los, diesmal von hinten nach vorne: Zivilunke holen, Fahrzeug begutachten, Kilometer aufschreiben, Tankungen kontrollieren, die 4 verbliebenen Durchschläge des Protokolls gut mischen und irgendeins dem SteKo geben, Schlüssel, Begeleitbuch und Restdurchschläge im Servicezentrum abgeben, Fahrauftrag und Streckenplan dem TraPo bringen. Abends im Casino an der Bar ein Bierchen kippen und weinen.
Was ist bloß aus unserer Bundeswehr geworden??